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Christentum und Rhetorik, eine gelungende Verbindung?
#1
Hallo,
seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Geschichte des Christentums auch von rhetorischer Seite aus. Vor allem ist mir aufgefallen, dass viele christliche Prediger und Kirchenväter (wie Johannes Chrysostomos oder Gregor von Nazianz)  über eine rhetorische Ausbildung verfügten. Deren erhaltene (theologische) Reden sind recht rhetorisch verfasst soweit ich sehe und daher scheint sich das Christentum hier der "heidnischen" Bildung doch sehr angenähert zu haben. Für mich liegt es daher nahe , dass man sich die geistige Geschichte des Christentums  (und der Theologie) nicht denken kann, ohne die rhetorische Wirkung ihrer Prediger und Kirchenväter. Wobei Jesus eigentlich weniger rhetorisch agierte (so zumindest in der Bibel), wie mir scheint. Ich vermute aber, dass auch moderne Theologen /Prediger nicht ohne Rhetorik zu denken sind (und denke da an Luther z.B.). Mir scheint also die Bedeutung der Rhetorik für das antike wie das moderne Christentum (siehe Luther) unabdingbar zu sein, wobei  es so mein Eindruck im antiken Christentum mehr rhetorischer zuging als im modernen. Wie sehr ihr das? Kann man die Bedeutung der Rhetorik für das Christentum - also ihre Verbindung z.B. bei den antiken Kirchenvätern- nur als positiv ansehen oder hatte das eventuell auch seine Schattenseiten?

Ich bin auf eure Meinung gespannt dazu.
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#2
Was macht ein "gutes" Foto aus? Beschäftigt man sich mit der Frage, warum das eine Bild einen höheren ästhetischen Reiz ausübt als ein anderes, dann kommt man schnell auf einige handwerkliche Richtlinien, wie Bildaufteilung und Verteilung von Licht, Schatten, Farbe und Kontrast aussehen müssen, damit Andere sich ein Bild ansehen und nicht achtlos daran vorüber gehen.
Genauso ist das mit der Darstellung eines, insbesondere gesprochenen Textes. Der Leser/Hörer muss unverzüglich das Thema begreifen und nicht durch Nebensächlichkeiten abgelenkt werden. Der Text muss eingängig sein, präzise und auf eine subtile Art spannend und unterhaltsam. Beim gesprochenen Wort kommen noch Stimme, Betonung, Gestik und Mimik hinzu.
Welcher Text wird sich durchsetzen? Ein verworrener, langweiliger oder ein rhetorisch durchdachter?
Was bleibt, sind also Texte, welche die Kriterien eines guten Vortrages erfüllten - und keine anderen!

Ist das nun positiv zu sehen? Standard-Gegenfrage: Anhand welcher Kriterien "positiv" beziehungsweise "negativ". Der Redestil macht die Botschaft nicht aus! Und bei religiösen Reden bestimmt die Botschaft, was positiv bzw. negativ zu werten ist, sofern die Botschaft überhaupt wahrgenommen wird.
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
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#3
@Ekkhard:

Ich verstehe die Argumentation und den Vergleich mit dem Bild in dieser Sache. Ein gesprochener Text, der natürlich rhetorisch durchdacht ist, hat natürlich eine viel größere Wirkungsmöglichkeit als ein langweiliger Text.  Es ist aber in der Hinsicht interessant zu sehen, dass sich das Christentum insofern von der sog. heidnischen Bildung gar nicht soweit unterscheidet, wobei meines Wissens nach das Christentum der heidnischen Rhetorik in der Vergangenheit des öfteren auch eine gewisse Künstlichkeit vorwarf in bezug auf ihren Sprachgebrauch. Die Kriterien "positiv" und "negativ" sind natürlich gängige Kriterien im heutigen Diskurs, und daher hatte ich sie hier auch hinein gebracht. Wie weit sie sinnvoll und angebracht sind, darüber kann man natürlich diskutieren. Ich bin halt vom heutigen gängigen Verständnis dieser Wörter hier ausgegangen.  Obwohl deine Anmerkungen eher allgemein waren, fand ich sie dennoch gut. Am liebsten wäre mir aber auch, wenn man dies auch anhand einiger historischer Figuren diskutieren könnte (die ich ja genannt habe wie Gregor von Nazianz oder Johannes Chrysostomos, um nur die bekanntesten christlichen Redner-Theologen/Prediger zu nennen). Mein Eindruck ist, dass alle bekannten Theologen/Prediger mit Rhetorik mehr oder weniger zu tun hatten.
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#4
(09-03-2016, 02:17)Philosophist schrieb: Am liebsten wäre mir aber auch, wenn man dies auch anhand einiger historischer Figuren diskutieren könnte (die ich ja genannt habe wie Gregor von Nazianz oder Johannes Chrysostomos, um nur die bekanntesten christlichen Redner-Theologen/Prediger zu nennen). Mein Eindruck ist, dass alle bekannten Theologen/Prediger mit Rhetorik mehr oder weniger zu tun hatten.

Gregor von Nazianz d. Ä. entstammte einer begüterten Familie. Wie die meisten Söhne der Oberschicht studierte er Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Nach Abschluss seiner Studien bekleidete er verschiedene Staatsämter. Als er sich auf Drängen seiner Frau, Nonna, dem Christentum zuwandte,  war er etwa 45 Jahre alt. 325 wird er (von Leontios v. Caesarea) getauft, 329 wird er Bischof v. Nazianz.

Sein Sohn, Gregor von Nazianz d. J., wurde nach byzantinischer Tradition um 300 geboren, die moderne Historiographie meint hingegen, dass seine Geburt zwischen 325 und 330 anzunehmen ist. Er wurde christlich erzogen, studierte in Caesarea die üblichen Fächer (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Musiktheorie und Astronomie) und begab sich zum Abschluss seiner Studien nach Athen. Seine Mitschüler waren Basilius v. Caesarea und der spätere Kaiser Julian gewesen.

In Athen lehrte er bis etwa 355 (vielleicht auch etwas länger) Rhetorik, um sich danach nach Kappadokien zurückzubegeben. Dort verfasste er seine ersten Reden, u.a. auch jene gegen seinen ehemaligen Mitstudenten Julian, in denen er die Rückkehr desselben zum Heidentum kritisierte und (anlässlich seiner Priesterweihe) einen Traktat über das Priestertum.

Wen sollte es wundern, dass der ehemalige Rhetoriklehrer Gregor seine Schriftsätze und Reden mit höchster rhetorischer Kunstfertigkeit verfasste?

Johannes Chrysostomos war ein begnadeter Redner gewesen, ein Ausnahmetalent sozusagen. Da er der stoischen Schultradition entstammte, hochgebildet und mit der Kunst der Diatribe vertraut war, waren seine Texte nicht nur mit höchster rhetorischer Kunstfertigkeit verfasst, sondern überaus originell und unterhaltsam gewesen.

Hohe rhetorische Kunstfertigkeit war bei den antiken christlichen Rednern und Schriftstellen, die zudem überwiegend der Oberschicht entstammten und daher einen vergleichbaren Bildungsweg vorzuweisen hatten, eher die Regel als die Ausnahme gewesen.

Tertullian, in heidnischem Milieu aufgewachsen, war zweisprachig und verfügte über eine umfassende philosophische und rhetorische Bildung.

Cyprian war (wie Hieronymus berichtet) Rhetoriklehrer gewesen.

Basilius wurde in Athen und Konstantinopel zum Rhetor ausgebildet.

Augustinus wirkte vor seiner Taufe als Rhetoriklehrer.

Etc., etc.
MfG B.
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#5
@Bion : Ich danke dir erstmal für diesen ausführlichen Beitrag, den ich sehr informierend fand und kenntnisreich.  Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos sind ja die bekanntesten (griechischen) christlicher Prediger-Theologen und deren Texte /Reden sind ja heute noch (zum Teil)  in deutscher Übersetzung zu lesen. Bei Gregor von Nazianz z.b. dessen "Theologische Reden" (dt. 1996, Fontes Verlag). Es gibt ein englisches Buch (von 1969)  mit dem Titel : Gregory of Nazianzus: Rhetor and Philosopher,

was ich sehr zutreffend finde. Ich finde es jedenfalls sehr schön, dass das Christentum soviel auch an (rhetorischer ) Kultur hervorgebracht hat und deren Reden wirklich entsprechend Qualität haben. Neben den griechischen Kirchenvätern, lassen sich natürlich auch die lateinischen nennen, die in Sachen rhetorischer Kunstfertigkeit auch genannt werden können, worauf du schon z.B. mit Augustinus ja hingewiesen hast.  Es ist auf jedenfall interessant zu sehen dass die abenländische rhetorische Tradition nicht nur aus einem heidnischem Strang besteht , sondern dass es daneben auch den religiös christlichen gibt, der einen Vergleich hinsichtlich der Qualität mit der heidnischen Tradition nicht zu scheuen braucht. Die Frage ist allerdings, ob man in Bezug auf die (Spät) Antike von einer Konkurrenz zwischen heidnischer und christlicher Rhetorik (im Bildungswesen) sprechen kann oder ob beide Seiten sich da gegenseitig ignoriert haben usw. Ich bin nicht sicher ob es zwischen heidnischen Rednern/Schriftstellern und christlichen Redner/Schriftsteller ein positives Verhältnis oder ob es ein Konkurrenzverhältnis gab: hier


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Ekkard)
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#6
Ich sehe "positives" und "Konkurrenz"-Verhaeltnis nicht als Widerspruch. Man kann in scharfer, ideologischer Auseinandersetzung stehen und sich trotzdem gegenseitig wertschaetzen.
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#7
Ja verstehe, jedenfalls ist es interessant, dass es das geschichtlich gab, dieses Verhältnis.
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#8
(09-03-2016, 21:14)Philosophist schrieb: Die Frage ist allerdings, ob man in Bezug auf die (Spät) Antike von einer Konkurrenz zwischen heidnischer und christlicher Rhetorik (im Bildungswesen) sprechen kann oder ob beide Seiten sich da gegenseitig ignoriert haben usw.

In Rom hatte die Rhetorik mit dem Untergang der Republik ihre Bedeutung verloren. Die Zeit, in der man im Senat mit kunstvoll vorgetragenen Reden Politik machen konnte, war vorbei. Seinen Standpunkt überzeugend vorzutragen, gleichgültig ob es sich um Wahrheit oder um Unwahrheit handelte, war nur mehr im Prozesswesen von Wert.

Der Kunst der Rhetorik wurde sowohl von den christlichen Predigern als auch von den (neu)platonischen Philosophen überwiegend kein besonders hoher Stellenwert beigemessen.

Beide Seiten haben sich ihrer zwar bedient, doch war man sich durchaus einig, dass "die Wahrheit keiner kunstfertigen Rede bedürfe", um überzeugend vorgetragen werden zu können und dass unmoralisch sei, mittels rhetorischer Kunstgriffe "die schwächere Sache zur stärkeren zu machen".

Die Platoniker beriefen sich dabei auf Platon, der im "Georias" tadelte, dass Rhetorik auch eingesetzt werden könne, Unrecht durchzusetzen (vgl. Georgias 456 b,c).

Griechische und lateinische Väter warnten vor dem Missbrauch rhetorischer Kunstgriffe, obgleich sie die Methoden der heidnischen Rhetoren und Sophisten mehrheitlich durchaus wirkungsvoll weiter angewandt hatten (dazu auch: Augustin, De doctrina Christiana, 4. Buch).
MfG B.
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#9
@Bion: Der Hinweis auf Augustinus Buch "De doctrine Christiana" fand ich gut. Daran hatte ich auch gedacht, da ja Augustinus  Rhetoriklehrer gewesen war. Ein anderer bisher nicht genannter Autor- der Augustinus zeitlich voranging, war Laktanz, der ebenfalls wie Augustinus Rhetoriklehrer (in Nordafrika) war und zu den lateinischen Kirchenvätern ebenso gezählt wird. In seinem Buch "Divine institutes" (ich gebrauche hier den englischen Titel, weil es bisher keine deutsche Gesamtübersetzung dieses Werkes von ihm gibt, wohl aber eine englische Übersetzung) kommt Laktanz auf das Verhältnis von Rhetorik und Wahrheit im dritten Buch dieses Werkes zu sprechen und setzt sich hierbei (auch) mit Cicero auseinander. Manche sahen ja in Laktanz einen "christlichen Cicero" (Cicero christianus). Cicero ist ja für Augustinus und Laktanz ein wichtiger Bezugspunkt. Ob wiederum Augustinus Laktanz Werk (Divine institutes) gelesen hat usw, weiß ich momentan nicht. Mich würde aber interessieren, falls ja, wie er Laktanz Rhetorikverstänis beurteilt.

Was die Rhetorik und den Verlust ihrer Bedeutung in Rom anbetrifft, kann ich nur sagen, dass ich das auch soweit sehe. Dennoch ist die Rhetorik aber nie ganz verschwunden, sondern in kulturelle Nischen des römischen Reiches eher ausgewandert. Im römischen Kaiserreich hatte die Rhetorik dennoch eine gewisse kulturelle Funktion, z.B. was Lobreden auf den Kaiser usw. anbetrifft, aber sie hatte halt nicht mehr die politische Funktion diese sie früher zu Zeiten der Republik hatte, soweit ich sehe.

Was die Bewertung der Rhetorik anbetrifft seitens der christlichen Prediger kann ich auch hier diese Sichtweise gut nachvollziehen, da ja Gott/die Wahrheit keiner kunstfertigen Rede usw. bedarf. Allerdings gibt es aber christliche Autoren wie Gregor von Nazianz oder Johannes Chrysostomos deren Predigten sind durchaus rhetorisch, und ich vermute auch, dass dies für Augustinus Predigten zutrifft. Wie lässt sich das in Einklang bringen? Sollte man das als Widerspruch ansehen? Also in dem Sinne, dass bei aller kritischen Einschätzung der Rhetorik seitens der Prediger, dennoch auf eine gewisse (christliche) Rhetorik zurückgegriffen wird (und das heißt evtl. auf rhetorische Kunstgriffe bei Nazianz oder Chrysostoms?).

Was die (neu)platonischen Philosophen  anbetrifft, kann man auch den Eindruck haben, dass sie Platon in seiner Beurteilung folgen (man lese z.B. Plotin) . Allerdings gibt es ja Philosophen wie Cicero oder auch Apuleius, die sich als platonische Philosophen verstanden und dennoch ein positives Verhältnis zur Rhetorik hatten. Das waren aber heidnische platonische Philosophen. Vielleicht sollte man davon noch christlich-platonische Philosophen unterscheiden wie Augustinus z.B.

Ich muss allerdings anmerken, dass hier die Aristoteliker völlig aus der acht gelassen worden sind. Soweit ich sehe, haben die ja ein eher positives Verhältnis zur Rhetorik, da ja Aristoteles selbst eine "Rhetorik" verfasste.

Es ist jedenfalls ein interessanter Aspekt der christlichen Geschichte, wenn man sie im Hinblick auf das Thema Rhetorik reflektiert.
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#10
(12-03-2016, 02:36)Philosophist schrieb: Ob wiederum Augustinus Laktanz Werk (Divine institutes) gelesen hat usw, weiß ich momentan nicht. Mich würde aber interessieren, falls ja, wie er Laktanz Rhetorikverstänis beurteilt.

Augustin hat Texte von Laktanz  gelesen. Wie er sie beurteilt hat, darüber ist, soviel ich weiß, nichts bekannt.

Von Hieronymus hingegen gibt es zu seinen Texten bewertende Aussagen: Seine Art zu schreiben sei "quasi quidam fluvius eloquentiae Tullianae" (ep. 58, 10), meint er, und seine Schrift vom Zorn Gottes (De ira Dei) sei "docto pariter et eloquenti Sermone" geschrieben. Auch Papst Damasus, teilt Hieronymus mit, habe die Schriften von Laktanz gelesen, allerdings gelangweilt (ep. 35, 2), wie er einschränkend bemerkte.

(12-03-2016, 02:36)Philosophist schrieb: Allerdings gibt es ja Philosophen wie Cicero oder auch Apuleius, die sich als platonische Philosophen verstanden und dennoch ein positives Verhältnis zur Rhetorik hatten.

Nun, Cicero hat als Jugendwerk ein Lehrbuch der Rhetorik geschrieben (De inventione), von dem er sich später distanziert hat. Das Werk ist praxisbezogen. Ankläger und Verteidiger erhalten exakte Anweisungen, wie sie sich in der Streitrede zu verhalten haben.

Schon damals hat er ermahnend angemerkt (1,1), dass Beredsamkeit nur in Verbindung mit Weisheit Gutes stiften kann.

Diese Forderung wird in "De oraratore", 2. Buch, (entstanden 55 vC) ausführlich erläutert, und er fordert vom Redner (im 3. Buch) konsequent philosophische und moralische Qualitäten ein. Er kommt zum Schluss, dass sich Philosophie und Rhetorik – nach jahrhundertelanger Trennung – wieder durchdringen und ergänzen müssen. Der Bezug zu Platons "Phaidros" und den dort erwähnten Isokrates (279 ab), der für Ciceros rhetorisches Bildungsideal steht, ist erkennbar. Die in Platons "Gorgias" thematisierte Trennung von Philosophie und Rhetorik lehnt er ab.
MfG B.
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#11
@Bion: Ich glaube man kann in Augustinus "Gottesstaat" (de civitate dei)  nachlesen, was er über Laktanz schreibt. Mich würde halt besonders interessieren , ob er Laktanz sog. Hauptwerk (engl. divine institutes) kannte.

Hieronymus ist mir nicht unbekannt, soweit ich weiß hat Augustinus ihn als Redner geschätzt. Bisher habe ich ihn aber nicht weiter rezipiert, was aber auf Grund der Zitate mich jetzt natürlich weiter interessieren würde.

Ciceros Jugendwerk "de inventione" kenne ich zum Teil. Für ein Jugendwerk ist es nicht schlecht, die späteren Werke wie "De oratore" oder "orator" sind da aber natürlich etwas ausgereifter und beruhen auf mehr Erfahrung. Für Cicero ist die Verbindung von Philosophie und Rhetorik jedenfalls wichtig, da es keine wahre Rhetorik ohne Philosophie geben kann. Das sagt er auch etwa so in anderen Werke wie z.B. auch in  "De fato" (in der zweisprachigen Reclamausgabe von 2015, auf S. 9):

 "Nam cum hoc genere philosophiae, quod nos sequimur, magnam habet orator societatem:  subtilitatem  enim ab Academia mutuatur et ei vicissim  reddit  ubertatem orations et ornamenta dicendi",
 auf Deutsch: "Der Redner unterhält nämlich zur philosophischen Richtung , der ich mich angeschlossen habe, insofern eine ausgesprochen wechselseitige Beziehung, als er sich den Scharfsinn  bei der Akademie entleiht und dieser als Gegenleistung die Fülle des Ausdrucks  und den sprachlichen Schmuck verleiht." 

Jedenfalls ist das ein wichtiges Anliegen von Cicero gewesen. Und hier spricht er sich gegen die Trennung von Philosophie und Rhetorik aus, wie sie von Platon herrührt. Platon sagt ja , dass die wahre philosophische Rhetorik nur auf der Dialektik beruhen kann und ja natürlich kannte Cicero den "Phaidros" (siehe de oratore). Er kannte allerdings auch die aristotelische "Rhetorik" und erwähnt sie beispielsweise in den "Tusculanischen Gesprächen". Er bezieht sich hier also, was die Verbindung von Philosophie und Rhetorik anbetrifft, auch auf Aristoteles.  Und dieser wiederum erwähnt auch Isokrates in seiner "Rhetorik". Somit lässt sich konstatieren, dass Platon und Aristoteles einen Bezugspunkt für ihn bilden.

Übrigens lässt sich noch hinzufügen, dass Apuleius als platonischer Philosoph, der auch aus Nordafrika stammt wie Augustinus, aber Heide blieb im Gegensatz zu diesem, ebenfalls eine Verbindung von Philosophie und Rhetorik in seinem Werk anstrebte. Augustinus kannte (zum Teil) das Werk seinen nicht-christlichen Landsmannes. Abschließend sei noch ein Buchtipp zum Thema hier hinzugefügt: "Große Predigten. 2000 Jahre Gottes Wort und christlicher Protest" (Lambert Schneider, 2015). In dieser Überblicksgeschichte wird auch Gregor von Nazianz erwähnt und seine "Theologischen Reden", die auf seiner rhetorischen Ausbildung beruhen.
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#12
(14-03-2016, 16:23)Philosophist schrieb: @Bion: Ich glaube man kann in Augustinus "Gottesstaat" (de civitate dei)  nachlesen, was er über Laktanz schreibt. Mich würde halt besonders interessieren , ob er Laktanz sog. Hauptwerk (engl. divine institutes) kannte.

Ja. Augustin spricht dort einige Textstellen aus den "Divinae Institutiones" an. Man darf also sicher sein, dass er das Werk gekannt hat.

Vergils Aeneis kritisierend schreibt Augustin:

…;weil jedoch die Schriftsteller, die vor mir gegen derartige Irrtümer in griechischer oder in lateinischer Sprache geschrieben haben, dieses Werk schon sehr fleißig benützt haben, so will ich mich dabei nicht aufhalten (civ. 7, 27).

Damit ist (ohne Laktanz namentlich zu erwähnen) eine Textstelle aus den Institutiones  (Lact. instit. 1,1,13f.) gemeint.

Zweimal wird Laktanz von Augustin namentlich im 18. Buch erwähnt (civ. 18,23). Er schreibt:

Auch Lactantius führt in seinem Werk einige Weissagungen einer Sibylle über Christus an, ohne jedoch die Sibylle näher zu bezeichnen.
[…]
So hat Lactantius das sibyllinische Zeugnis angeführt, aber stückweise es seinen Ausführungen einstreuend nach Erfordernis des Beweisganges, während ich es ohne Zwischeneinschaltungen in ununterbrochenem Zusammenhang gegeben und nur durch große Anfangsbuchstaben die Sätze auseinandergehalten habe, wenn freilich die Abschreiber sie in der Folge nicht aus Nachlässigkeit unbeachtet lassen. Übrigens wird die erythräische Sibylle mitunter in die Zeit des trojanischen Krieges versetzt, nicht in die des Romulus.

Augustin spricht hier Textstellen aus Lact. instit. 4,18f. an
MfG B.
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#13
@Bion:

Hat sich Augustinus denn im Gottesstaat auch mit Laktanz Rhetorikverstänids beschäftigt, wie es im dritten Buch seines Hauptwerkes behandelt wird? Das wäre für mich besonders von Interesse, da ja beide Rhetoriklehrer aus Nordafrika waren.




Eine andere Frage in diesem Zusammenhang: Haben sich die griechischen und lateinischen Kirchenväter eiegntlich gegenseitig rezipiert? Oder ging das auf grund der Sprache nicht? Ich weiß ja nicht, ob die griechischen Kirchenväter Latein konnten et vice versa. Ich glaube Augustinus konnte kaum Griechisch soweit ich weiß und war daher auf eine Übersetzung angewiesen. Mich würde zudem interessieren , was die lateinisch-christlichen Rhetoren von den griechisch-chrsitlichen gehalten haben und ob es dort eine gegenseitige Rezeption gab oder nicht.
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#14
(15-03-2016, 00:53)Philosophist schrieb: Hat sich Augustinus denn im Gottesstaat auch mit Laktanz Rhetorikverstänids beschäftigt, wie es im dritten Buch seines Hauptwerkes behandelt wird?

In den Texten Augustins ist, soviel ich weiß, nichts zu finden, was darauf schließen ließe.  

(15-03-2016, 00:53)Philosophist schrieb: Haben sich die griechischen und lateinischen Kirchenväter eiegntlich gegenseitig rezipiert? Oder ging das auf grund der Sprache nicht? Ich weiß ja nicht, ob die griechischen Kirchenväter Latein konnten et vice versa. Ich glaube Augustinus konnte kaum Griechisch...

Ja. Die Lateinischen Väter konnten griechische Autoren mehrheitlich nur dann lesen, wenn ihnen die Abschrift einer Übersetzung vorlag. Und es war nicht einfach gewesen, solche Abschriften zu bekommen. Manche Texte wurden nicht übersetzt. Von manchen Übersetzungen gab es nur wenige Abschriften. Nur wenige Übersetzungen waren so verbreitet gewesen, wie zB die Antoniusvita des Athanasios.

Auch war die Herstellung einer Übersetzung nicht ohne Risiko gewesen. Rufin von Aquileia, der Texte von Origenes, Basilius und Gregor von Nazianz übersetzt hatte, musste beispielsweise bei Bekanntwerden seiner Origenes-Übersetzungen arge Rüffel von Hieronymus hinnehmen.

Wenn man feststellen will wer bei wem Anleihen genommen hat, kommt man um eine gründliche philologische Überprüfung der Texte nicht herum.

Manche Texte sind gut untersucht, andere weniger gut.

Von Laktanz ist bekannt, dass er neben Cicero auch andere römische Dichter und Schriftsteller zitiert. Von Vergil, Ovid, Horaz, Lukrez, Varro, Seneca, Sallust und Quintilian sind zahlreich Zitate in seinen Texten zu finden.

Mit Minucius Felix, Tertullian und Cyprian nennt Laktanz (instit. 5,1,22) christliche Schriftsteller, die ihm näher bekannt sind, mit Namen.

Zitate griechischer Philosophen hat Laktanz überwiegend Ciceros Texten entnommen.
MfG B.
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#15
@Bion: Ich danke dir für den entsprechenden Hinweis. Bedauerlicherweise liegt Laktanz Hauptwerk bisher nicht in einer Gesamtübersetzung auf Deutsch vor, sondern nur in Teilübersetzung. Insofern ist man auf die englische Übersetzung angewiesen. 

Laktanz war natürlich selbst sehr belesen und es ist ein Vergnügen ihn zu lesen aufgrund seiner schriftstellerisch-rhetorischen Qualitäten. Es ist bemerkenswert , dass Augustinus und Laktanz Rhetoriklehrer aus Nordafrika waren und beide nur durch die Zeit von einander getrennt sind. 

Interessant ist auch   das Wechselverhältnis zwischen griechischen und lateinischen Kirchenväter genauer zu untersuchen und natürlich müsste man da auch philologisch vorgehen, wenn man genau sein möchte. Leider kenne ich mich mit der Übersetzungsgeschichte nicht im Detail aus.
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